Herbst-TopTag in Hamburg

Herbst-TopTag in Hamburg
Folker Hellmeyer bestärkte den HAC darin, die Mitglieder weiter neutral und auf Augenhöhe zu informieren

„Ich bin von vielen Kollegen sehr enttäuscht!“ Folker Hellmeyer beginnt seinen gut einstündigen Vortrag mit deutlichen Worten. Viele Großbanken kommunizieren für den Chefanalysten der Bremer Landesbank nicht mehr auf Augenhöhe mit ihren Kunden. „Dadurch sehe ich die Demokratie gefährdet“, ruft er in den Saal. Provisionsjäger seien die großen Banken geworden, die nur noch zehn bis 15 Prozent Kreditgeschäfte in der Bilanzsumme ausweisen. „Was hat das noch mit den volkswirtschaftlichen Funktionen zu tun, die Banken erfüllen sollen?“, fragt er provokativ. Stattdessen lobt er den HAC: „Ich werde ab jetzt Werbung für Sie machen, denn ich finde es sehr gut und wichtig, was Sie machen!“ 

Doch danach kommt der gebürtige Hamburger auf sein eigentliches Thema zu sprechen: die Finanzkrise. Immer wieder gelingt es dem stattlichen Mann, die Zuschauer hörbar in Erstaunen zu versetzen. So fragt er sein Publikum, wen es als Gewinner der Krise in Europa sehe. Für Hellmeyer ist „Deutschland das begünstigte Land“ und er belegt das sogleich mit harten Fakten: Mit 1,30 Euro für einen Dollar stehe der Euro viel zu niedrig da, was aber die Ausfuhren für die Exportnation Deutschland begünstige. Dazu komme ein sehr niedriges Zinsniveau, das Investitionen anschiebe und mehr Steuern in den Haushalt spüle. „Diese Desinformation ist despektierlich“, wettert der Finanzexperte. Als Verantwortliche für die unangemessene Spekulation gegen die Eurozone sieht er politische Kreise, aber auch Teile der Finanz in den USA und in Großbritannien. Politisch gehe es den USA um Erhaltung der Hegemonialmacht, obwohl die Strukturdaten und die Reformbereitschaft nicht dazu passen. „Daher ist es nicht opportun, die Eurozone, die gekennzeichnet ist durch aggressive Reformpolitik, auf dem Altar der Spekulationen Londons und New Yorks zu opfern!“ Spontaner Beifall aus dem Publikum zeigt, dass Hellmeyer mit seinen Einschätzungen auf offene Ohren stößt. Während die USA, Japan und auch Großbritannien weitermachen würden wie bisher, gäbe es in Europa eine strukturelle Gesundung. „Die Eurozone ist im Vergleich der großen westlichen Wirtschaftsräume Primus beim fiskalischen Status und bei der Reduzierung der Defizite und Handelsungleichgewichte. Diese Entwicklungen sprechen markant für die Eurozone und nicht ansatzweise für die USA, Japan oder UK!“ 

Am Beispiel Griechenlands legt der Finanzanalyst den staunenden Zuhörern schnell dar, wie einseitig zurzeit informiert wird: Während Griechenland noch 2011 eine öffentliche Staatsschuld von 350 Mrd. Euro hatte, reduzierte sich die Staatsschuld nach dem privaten Schuldenschnitt im Januar auf 300 Mrd.. Damit reduzierte sich die Neuverschuldung von 15,4 Prozent im Jahr 2009 auf circa 9,1 Prozent 2011 – trotz Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 12 Prozent und der Bruttoanlageinvestitionen um 44 Prozent. „Das ist Ausdruck der strukturellen Reformerfolge. Kein anderes Land hat je schneller öffentliche Defizite reduziert“, betont Hellmeyer. Das Problem sei der technische Umgang mit Griechenland, der im März 2010 begonnen und eine negative Marktpsychologie zur Folge habe. Auch wenn es zurzeit noch erhebliche Baustellen gibt: „Fakt ist, in Griechenland gibt es gerade die besten Investitionsbedingungen seit Ende der Diktatur!“